Gleichmut ist für mich kein Zustand, den es zu erreichen gilt. Er entsteht. Aus einer Haltung heraus, die ich immer wieder einüben darf.
In der Yogaphilosophie werden dafür zwei Begriffe verwendet: Abhyāsa und Vairāgya. Abhyāsa steht für das beständige Üben, für das Dranbleiben. Vairāgya beschreibt das Loslassen, das Nicht-Anhaften. Zusammen bilden sie ein Gegengewicht, das den Geist zur Ruhe kommen lässt.
Abhyāsa erinnert mich daran, meiner Praxis regelmäßig Raum zu geben. Nicht aus Disziplin oder Pflichtgefühl, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Diese Beständigkeit schenkt mir Klarheit und Präsenz. Gerade in Zeiten, in denen vieles im Außen unruhig ist.
Vairāgya ergänzt dieses Üben auf eine wohltuende Weise. Es lädt mich ein, Erwartungen loszulassen: an mich selbst, an meine Praxis, an bestimmte Ergebnisse. Ich darf üben, ohne mich ständig zu bewerten, und mir selbst mit mehr Mitgefühl begegnen.
Zwischen diesen beiden Polen, dem bewussten Dranbleiben und dem entspannten Lassen, entfaltet sich für mich Yoga.
Gleichmut entsteht nicht dadurch, dass alles gleich bleibt, sondern dadurch, dass ich lerne, mit dem, was ist, in Kontakt zu bleiben.
An manchen Tagen zeigt sich das ganz schlicht: im Ausrollen der Matte, im Atem, im Wahrnehmen des Moments.
Ohne etwas verändern zu müssen.
Namasté Melanie
Foto @ Andreas Brüggemann