Guru Purnima – Licht auf dem Weg

Jedes Jahr wird zum Vollmond (Purnima) im Monat Ashadha Guru Purnima gefeiert. Ein traditionelles indisches Fest. Nach unserem Kalender fällt dieser Tag meist in den Juni oder Juli. Im Mittelpunkt steht die Dankbarkeit für all jene, die das Wissen des Yoga über Generationen hinweg bewahrt und weitergegeben haben.

Das Begriff Guru ist heute häufig negativ besetzt. Erfahrungen von Machtmissbrauch und der Ausnutzung von Vertrauen haben dazu beigetragen, dass viele Menschen diesem Begriff mit Skepsis begegnen. Umso wertvoller ist ein Blick auf seine ursprüngliche Bedeutung.

Im Sanskrit erschließt sich der Ursprung des Wortes Guru bereits aus seinen Silben: Gu bedeutet Dunkelheit oder Unwissenheit, Ru das Auflösen dieser. Ein Guru hilft uns, von der Dunkelheit ins Licht zu finden. Er bindet uns nicht an sich, sondern weist auf das Licht hin, das bereits in uns leuchtet.

Guru Purnima wird auch Vyasa Purnima genannt. Der Tag ist dem Weisen Veda Vyasa gewidmet, dem die Sammlung der Veden sowie das Mahabharata mit der Bhagavad Gita zugeschrieben werden. Er steht sinnbildlich für die Weitergabe von Wissen über Generationen hinweg.

Ein Guru nimmt uns den Weg nicht ab und gibt keine fertigen Antworten. Er lädt uns ein, nach innen zu schauen. Er hilft dabei, den Schleier der Unwissenheit ein wenig mehr zu lüften. So darf Raum entstehen für Erkenntnis und Vertrauen in die eigene Weisheit.

Dieser Gedanke kann weit über die Yogatradition hinausreichen. Auch wenn die klassische Lehrer-Schüler-Beziehung heute für viele von uns nicht mehr Teil des Alltags ist, begegnen uns immer wieder Menschen und Quellen, die uns inspirieren, unseren Blick weiten oder neue Fragen stellen. Das können Lehrerinnen und Lehrer sein, Familie, Freundinnen und Freunde, Schriften oder Erfahrungen, die uns berühren.

Guru Purnima erinnert mich daran, mit Dankbarkeit zurückzublicken. Auf Menschen, die mich geprägt haben. Auf Worte, Gedanken und Schriften, die mich inspiriert haben. Und das Wissen zu würdigen, das über Generationen hinweg bewahrt und weitergegeben wurde.

Der Weg des Yoga führt nicht in eine blinde Abhängigkeit. Er führt in eine tiefere Verbindung mit uns selbst, mit anderen und mit dem Leben.

Für mich zeigen diese Gedanken, wie wertvoll echte Begegnungen sind. Manchmal brauchen wir einen Menschen, der uns begleitet. Manchmal dürfen wir selbst diese Begleitung sein. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit offenem Herzen, ehrlichem Zuhören und echter Verbindung.