Hridaya – Was das Herz schon weiß

Die Antworten auf unsere Fragen sind nicht unbedingt dort zu finden, wo wir sie suchen. Nicht im Außen oder im nächsten Schritt, in der Anhäufung von Wissen. Sie können in der Stille auftauchen, in einem Moment des Ruhens, in dem wir beginnen, anzunehmen, was ist: Nichts wegnehmen wollen, nichts hinzuzufügen müssen.

Patañjali beschreibt im Yoga Sūtra Samyama als eine vertiefte Form der Sammlung. Er benennt verschiedene Punkte, auf die sich diese Sammlung richten kann: Sonne, Mond, Nabel und Herz. Die Sammlung auf das jeweilige Objekt eröffnet eine bestimmte Form von Erkenntnis.

Das Herz trägt im Sanskrit den Namen Hridaya. Das Wort verweist nicht nur auf das körperliche Herz, sondern auch auf das Zentrum, den Kern, das Innerste.

hṛdaye cittasaṃvit

Durch Sammlung im Herzen erlangt man Erkenntnis des Bewusstseins. (PYS III. 34)

Ein schlichter Satz, der einen Gedanken öffnet, der weit über die Yogamatte hinausreicht. Zischen der bloßen Wahrnehmung einer Situation und dem unmittelbaren Versuch, sie zu verändern können wir entscheiden. Keine Bewertung, kein Einordnen oder Handeln. Den Moment bewahren, bevor wir ins Tun kommen.

Nichts wegnehmen. Nichts hinzufügen.

Hier berührt sich das Yoga Sutra mit der tantrischen Philosophie des Kaschmirischen Shivaismus. Bei Patañjali ist das Herz ein Ort der Sammlung, durch die Erkenntnis entsteht. In der tantrischen Philosophie des Kaschmirischen Shivaismus wird Hridaya zum spirituellen Herzen, zum Ort des Bewusstseins. Es geht weniger darum, etwas zu erreichen, als um das Wiedererkennen dessen, was bereits gegenwärtig ist.

Das Zurücksinken in diesen Ort. Mehr Licht, mehr Vertrauen in das, was das Herz schon weiß.

Nicht weiter suchen, sondern wahrnehmen, was bereits da ist.

Namasté Melanie

Bild: Eigene Illustration (KI-gestützt)

Wenn du diesen Gedanken weiterverfolgen möchtest, findet in meinem früheren Beitrag „Das Herz des Erinnerns“ eine vertiefende Betrachtung aus der tantrischen Perspektive des Kaschmirischen Shivaismus.