Ein Mantra, das mich mitten im Alltag findet, nicht nur auf der Matte. So’ham setzt sich aus den Sanskrit-Wörtern saḥ und aham zusammen und wird mit “Ich bin Das” übersetzt.
“Das” meint hier nicht etwas, das ich benennen oder festhalten kann. Es verweist auf das, was jenseits von allem Veränderlichen liegt. Und genau da beginnt für mich die eigentliche Frage: Wer bin ich wirklich?
Die vedantische Antwort beginnt mit einem Loslassen. Ich bin nicht mein Körper. Nicht meine Gedanken. Nicht meine Gefühle, meine Rollen, meine Geschichte. All das gehört zu meinem Erleben und ist in ständiger Bewegung.
Neti neti. Nicht dies, nicht das.
“Ich bin Das” meint das Bewusstsein dahinter, in dem all diese Erfahrungen überhaupt erst erscheinen können.
Japa bezeichnet die wiederholte Rezitation eines Mantras, eine der ältesten Formen der Meditation im Yoga. Es geht dabei nicht um die Anzahl der Wiederholungen, sondern um die Sammlung des Geistes: Der Gedanke kehrt immer wieder zu derselben Aussage zurück, bis er sich darin festigt. Eine Mala, eine Kette aus 108 Perlen, dient dabei als Zählhilfe. Mit jeder Wiederholung wandert der Daumen eine Perle weiter, sodass die Aufmerksamkeit bei der Praxis bleiben kann, ohne aktiv mitzählen zu müssen.
So’ham über den Atem zu üben, So beim Einatmen, Ham beim Ausatmen, ist eine eher zeitgenössische Verbindung von Mantra und Atem, eine Einladung. Ich nutze sie gerne für mich selbst: Der Atem trägt die Wiederholung wie von selbst, immer wieder zurück zu diesem einen Gedanken: Ich bin Das.
Es berührt mich immer wieder, wie philosophischen Themen unmittelbar spürbar werden. Der Atem macht das möglich, nicht weil wir damit den Klang von So’ham nachbilden, sondern weil er uns in den Moment holen kann.
Für ein paar Atemzüge darf der Körper einfach sein, ohne etwas leisten zu müssen. Aus “Ich bin Das” wird für einen Augenblick etwas ganz Persönliches: Ich muss gerade nichts werden. Ich darf einfach sein.
In dieser Stille finde ich einen Ort in mir, der bleibt, ganz gleich wie trubelig es im Außen gerade ist. Eine Beständigkeit mitten in aller Veränderlichkeit. Und je öfter ich sie berühre, desto mehr darf sie sich ausdehnen, von innen nach außen, hinein in mein Leben.
Namasté Melanie
Foto: @Andreas Brüggemann