Stille gehört zu den Erfahrungen, nach denen wir uns sehnen. Gleichzeitig erleben wir, wie schwer sie zu finden ist. Kaum wird es ruhig, beginnt der Geist zu arbeiten. Gedanken tauchen auf. Erinnerungen werden wach. Ein Gedanke führt zum nächsten.
Mauna ist der Sanskritbegriff für eine Stille, die tiefer reicht als das Schweigen der Worte. Er beschreibt einen Zustand innerer Sammlung und Gegenwärtigkeit. Eine Qualität des Seins, die unabhängig davon ist, ob wir sprechen oder schweigen.
Patanjali eröffnet die Yoga Sutras mit einem Satz, der bis heute als Herzstück des Yoga gilt:
Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ.
Oft wird dieses Sutra mit „Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken“ übersetzt. Bettina Bäumer* richtet den Blick auf eine feinere Bedeutung. Nirodha versteht sie nicht als Unterdrückung des Denkens, sondern als ein Stillwerden der Bewegungen des Bewusstseins. Gedanken müssen nicht verschwinden. Sie dürfen kommen und gehen, ohne dass wir uns in ihnen verlieren. Diese Sichtweise verändert den Blick auf die Yogapraxis.
Stille entsteht nicht durch Anstrengung. Sie zeigt sich dort, wo der Geist nichts festhalten muss.
Mauna wächst aus dieser Erfahrung. Worte verlieren an Bedeutung. Es entsteht ein Raum, in dem Wahrnehmung klarer wird und Gegenwärtigkeit ihren Platz einnimmt. Der Sanskritbegriff Muni, von dem sich Mauna ableitet, bezeichnet einen Weisen. Seine Weisheit gründet nicht im Schweigen selbst. Sie erwächst aus einer inneren Klarheit, für die Schweigen zum natürlichen Ausdruck wird.
Stille ist kein leerer Raum. Sie ist Gegenwart.
Diese Augenblicke sind zeitlos und pur. Sei entstehen unvermutet. In der Natur während eines Spaziergangs. Beim Blick auf einen geliebten Menschen oder in einem stillen Moment am Morgen. Die Welt bleibt dieselbe und doch verändert sich etwas in uns.
Mauna erinnert daran, dass innere Stille nichts ist, was wir herstellen müssen. Sie ist bereits da. Yoga lädt uns ein, ihr immer wieder Raum zu geben.
Namasté Melanie
Foto: @Andreas Brüggemann
* Bettina Bäumer ist Indologin und Religionswissenschaftlerin. Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit der Philosophie des Yoga und des Kaschmirischen Shivaismus. Ihre Übersetzung der Yoga Sutras zeichnet sich durch eine sprachlich und philosophisch besonders differenzierte Auslegung des Sanskrit aus.